Am 24.09.2025 kündigte ich meinen Rücktritt vom OL-Spitzensport an. Damit schloss ich ein wunderbares Kapitel in meinem Leben, welches ich im Jahr 2003 lanciert hatte. Vor 23 Jahren wurde ich ins Aarauer Nachwuchskader selektioniert. Mit der Selektion erfolgte der Startschuss in den Leistungssport. Nicht im Aargau, aber trotzdem vor Heimpublikum durfte ich meine erfolgreiche OL-Karriere beenden. Meine letzten Wettkämpfe im Dress der OL-Nationalmannschaft bestritt ich am Weltcupfinal in Uster.

Meinen Abschied von der grossen OL-Bühne genoss ich sehr. Am Weltcupfinale erlebte ich nochmals die ganze Bandbreite eines spannenden OL-Weekends: Das Fachsimpeln in der Vorbereitung mit den Team-Kolleg: innen, das Kribbeln vor dem Start, gute Karten, fordernde Bahnen, tolle Stimmung, grossartige Unterstützung von Coaches, Betreuern, Familie und dem Fanclub!

Ich hatte Respekt davor, ohne OL-Praxis am Weltcupfinale teilzunehmen. Ich steckte inmitten meiner spezifischen Vorbereitung für den New York Marathon und beschränkte die OL-Trainings auf ein Minimum. Am Ende waren es vier Sprint-OL Trainings innerhalb von zwei Jahren.
Die Unsicherheit, ob ich mit dieser Vorbereitung mit der Spitze mithalten könnte, liess meinen Nervositätspegel vor dem Weltcupfinale ansteigen. Das war aber auch der einzige Grund, warum ich nochmals nervös wurde.
Gute Resultate sah ich als Bonus an. Daher war ich richtig locker drauf an diesem Wochenende. Den Biss und die Lust, ein letztes Mal so gut abzuschneiden als möglich, war aber noch immer vorhanden. Diese Kombination war wohl auch ein Schlüssel zum Erfolg während meiner OL-Karriere. Meine Einstellung vor dem Start beim letzten Weltcuprennen war sehr ähnlich, wie bei meinen ersten Weltcupsieg im Jahr 2011: Eine Portion Gelassenheit bezüglich des Drumherums gepaart mit dem Killerinstinkt, wenn es zur Sache geht!

Ich genoss es, nochmals die Stimmung aufzusaugen und das zu machen, was ich in den letzten Jahren am liebsten machte: OL auf der grossen Bühne! Weder ein zweiter noch ein vierter Rang konnten mir dabei die gute Laune verderben. Die vielen positiven Reaktionen, die ich beim Weltcupfinal erhalten habe, haben mich sehr berührt.
Am Montag nach dem Weltcupfinal war ich wehmütig und brauchte beim Training Zeit, um den Kopf zu lüften und alles ein wenig setzen zu lassen.
Die aktive Elite OL-Karriere war damit definitiv Geschichte. Insgesamt streifte ich mir das Schweizer Dress bei 41 WM-, 23 EM-, 9 World Games Starts und 143 Weltcupläufen über. Summa Summarum gewann ich 17 WM-Medaillen (8 Gold), 13 EM-Medaillen (9 Gold) und stand 68-mal auf dem Weltcuppodest.
Aber Zeit um Trübsal zu blasen und zu fest wehmütig zu werden, hatte ich nicht.

Mein nächstes grosses Ziel war bereits definiert. Aufbruchstimmung dominerte meine Gefühlslage, wenn ich an den New York Marathon dachte. Die Vorfreude auf den prestigeträchtigsten und grössten Marathon der Welt war gross. Ich hatte das Glück, einer der 30 auserlesenen Eliteläufer zu sein, die in Big Apple um den Tagessieg rennen durften. Beim New York Marathon gibt es keine Pacemaker, sondern es zählt nur der Rang, wenn man die Ziellinie überquert. In mir kam richtig «Wettrennen-Stimmung» auf, wie früher auf dem Pausenplatz. Ich muss gestehen, dass ich solche Rennen tendenziell lieber bestreite als Rennen, bei denen nur die Zielzeit im Vordergrund steht.
In New York durfte ich auf die Unterstützung meines Coaches und Physios sowie von meinen Eltern und einer meiner Cousinen zählen. So kam nie das Gefühl von «Chlai allein in New York» auf.

Die Tage vor dem Rennen versuchte ich logischerweise ruhig zu gestalten, mich gut zu erholen und mir nicht die Beine in den Bauch zu stehen. Der zweite Punkt wurde zu einem schwierigen Unterfangen. Mein Hotelzimmer war im 23 Stock und wenn ich zum Morgenessen wollte, musste ich zuerst mit dem Lift in die Lobby fahren, um dann mit einem anderen Lift wieder in den 43 Stock hochzufahren. Da gerade noch Wartungsarbeiten an einigen Liften durchgeführt wurden, bedeutete dies lange Wartezeiten. Solche Episoden gehören zum New York Marathon, wie auch ein eindrücklicher Polizeikonvoi, der uns am frühen Sonntagmorgen sicher und schnell zum Start nach Staten Island brachte.
Was ich während den nächsten zwei Stunden und 10 Minuten erleben durfte, war richtig wild. So ein Gekreische wie in Brooklyn kannte ich nur vom Hörensagen, von Back Street Boys Konzerten. Die Fans feuerten alle Läuferinnen und Läufer frenetisch an! Als ich am Abend im Bett lag, hatte ich dieses Grundrauschen noch immer im Ohr. Vielleicht wurde das Rauschen aber auch dadurch verursacht, dass ich bei der Nationalhymne vor dem Start sehr nahe neben einem grossen Lautsprecher stand und es mir das Trommelfell fast verjagte, als die Sängerin inbrünstig zum Schlussfurioso ansetzte. Wie dem auch sei, ich saugte diese einmalige Stimmung auf und lief lange in der Spitzengruppe mit. Erst als nach Rennhälfte das Rennen so richtig lanciert wurde, nahm ich immer weniger von den Zuschauern wahr und fuhr die Scheuklappen hoch. Als es Richtung Central Park ging, sah und hörte ich nicht mal mehr meine Eltern, die mich lauthals anfeuerten und die Schweizerfahne wie wild schwenkten. Jegliche Energie versuchte ich so zu mobilisieren, dass ich noch ein Stückchen schneller der Ziellinie im Central Park näherkam. Denn ich wollte als erster der Verfolgergruppe auf die Zielgerade einbiegen, was sich als alles andere als einfach erwies. Ich würde behaupten, es war das erste Mal beim Marathon, dass ich die letzten Meter als Schlusssprint bezeichnen darf. Gerade noch vor zwei Konkurrenten rettete ich mich nach 2.09.55, als 5. über die Ziellinie.
Wer hätte vor zwei Jahren gedacht, dass ich beim New York Marathon diese Top-Rangierung erreichen könnte? Ich jedenfalls nicht…

Nach einer ausführlichen Saisonpause habe ich anfangs Dezember wieder mit dem Training begonnen. Aktuell läuft das Training nach Plan und ich freue mich bereits jetzt, meine Form an folgenden Wettkämpfen zu testen:
- 1. März, 10km de Payerne
- 8. März, Lissabon Halbmarathon
- 21. März, Kerzerslauf (15km)
- 29. März, Berlin Halbmarathon






