Frühling 2026

Mein Wintertraining war auf den Paris Marathon vom 12. April ausgerichtet. Ich hatte einen sehr guten Trainingsblock in den Monaten Januar und Februar. Das geplante Training konnte ich wie gewünscht durchziehen und legte damit ich eine gute Basis. Auf dieser wollte ich aufbauen und mit einigen (zu vielen?) Renneinsätzen meine Form hinsichtlich des Marathons toppen.

Mein erstes Rennen in dieser Saison lief ich beim 10km de Payerne. Nach einer intensiven Trainingswoche wollte ich mich auf keine taktischen Spiele einlassen, sondern so schnell wie möglich die 10km hinter mich bringen. Das gelang mir ganz ordentlich! Mit 28:45 konnte ich eine neue Bestzeit über 10 Kilometer aufstellen. Für den Sieg reichte es knapp nicht. Im Sprint musste ich mich um Haaresbreite geschlagen geben. Dennoch war ich am Sonntagabend sehr zufrieden mit dem Wettkampf und der ganzen Vorbereitung hinsichtlich des Paris Marathons.



Doch nach Payerne war irgendwie der Wurm drin.
Eine Woche später flog ich nach Lissabon, um den schnellsten Halbmarathon der Welt zu bestreiten. Im Flugzeug studierte ich die Strecke. Der Start sollte auf der südlichen Seite des Tajo-Flusses erfolgen und auf den ersten Kilometern würde man über die «Ponte de 25 Abril» mit super Aussicht auf Lissabon rennen. Ich freute mich auf diese Szenerie. Mein erster Dämpfer kam beim Gepäckband. Mein Gepäck kam nicht an und beim Lost and Found wurde gleich klar, dass ich es vor meinem Start nicht mehr sehen würde. Im Handgepäck hatte ich meine Laufschuhe, ein Singlet, meine Raceshorts, ein paar Unterhosen und ein paar Laufsocken eingepackt. Für den Lauf hatte ich somit alles vor Ort. Ich hatte aber weder Kleider zum Einlaufen noch ein sauberes Shirt für nach dem Lauf.
Der zweite Dämpfer folgte beim Teammeeting. Ich erfuhr, dass die Eliteläuferinnen eine andere Strecke absolvieren würden als alle anderen 30'000 Teilnehmer. Wir würden einfach den Fluss hoch, zurück und wieder hoch rennen. Flach, schnell und insbesondere LANGWEILIG! In Lissabon sind sie Meister des Marketings. Wohl fast ausnahmslos alle Läuferinnen (inklusive mir) werden im Glauben gelassen, dass die schnellste Halbmarathonstrecke der Welt die gleiche ist, wie die Volksläuferinnen absolvieren. Dass dem nicht so ist, musste ich schmerzlich am Abend vor dem Lauf erfahren. Bis heute ist es mir ein Rätsel, wie ich an diese Information hätte gelangen können…
Der dritte Dämpfer waren dann die Vorgaben der Pacemakers. Die langsamste Gruppe strebte eine Zielzeit von 60:00 an, was einem Kilometerschnitt von ca. 2min50sec entspricht. Auf der Startliste waren sieben Läufer gemeldet, die eine Bestzeit unter 60 Minuten hatten, und ca. 40 Läufer, die dieser Zeit tendenziell nicht gewachsen sind (inklusive mir). Ich muss es nicht verstehen und werde es nie verstehen, warum Leichtathleten nur die «Harakiri-Taktik» kennen…
Ich telefonierte nach dem Technical Meeting mit meinem Coach. Die Quintessenz aus dem Gespräch: Ich bin nicht nach Lissabon geflogen, um einen Halbmarathon alleine zu laufen. Daher hiess es Augen zu und durch und mal erleben, was viele Spitzenläuferinnen Woche für Woche als Taktik bezeichnen! Es passierte, was passieren musste! Ich pulverisierte meine 10-Kilometer-PB, indem ich die 10km-Marke nach 28:26 passierte, und explodierte kurze Zeit später. Es waren zehn lange und einsame Kilometer. Als ich im Gegenwind den Superstar Jacob Kiplimo kreuzte, dachte ich so für mich: «Wenn der heute einen Weltrekord läuft bei dem Wind, dann fresse ich einen Besen.» Als ich auf Rang 25 in einer Zeit von 1:02:09 ins Ziel kam, war Kiplimo bereits seit fünf Minuten am Tanzen und Feiern, da er gerade den Weltrekord gebrochen hatte. Zum Glück hatte es keinen Besen im Zielbereich… Froh war ich jedoch, dass es in der Nähe des Ziels ein Finisher-Shirt gab. So hatte ich immerhin etwas Trockenes zum Anziehen nach dem Lauf, da meine Ersatzkleider noch immer in Zürich im Flughafen Runden drehten.

Der Wurm war auch Wochen später noch drin. Oder anders gesagt: Der Wurm mutierte zu einem Käfer! Rund um den Kerzerslauf kämpfte ich mit Magen-Darm-Problemen. Dieses Mal lehnte ich mich auf dem schmalen Grat zwischen Pushen und Erholen zu weit nach draussen und die Folge war, dass ich mich mit der Teilnahme am Kerzerslauf noch komplett abschoss. Zwei Tage lag ich danach im Bett. Es war die Woche vor dem Berlin-Halbmarathon. Am Montag und Dienstag war eine Teilnahme unvorstellbar, doch ab Mitte Woche drehte der Wind und es ging schnell aufwärts. Es stellte sich die Frage, ob ich an meinem geplanten Programm festhalten sollte oder nicht. Nach langem Hin und Her entschied ich mich, nach Berlin zu reisen.
Zwei Wochen vor dem grossen Showdown in Paris wollte ich wissen, wo ich formtechnisch stehen würde.
Die Bedingungen waren top in Berlin. In 1:01:29 lief ich eine neue Bestzeit und tankte Selbstvertrauen für den bevorstehenden Marathon. Es war zwar «nur» Rang 19, aber dennoch verliess ich Berlin als Gewinner: Meine Altersklasse M35 gewann ich souverän…
Es ist ein deutliches Zeichen, dass man zu den alten Hasen gehört, wenn man die Alterskategorie dominiert, aber in der Hauptkategorie nur noch knapp an den Top 20 kratzt…

Die letzten beiden Wochen vor dem Marathon verliefen nach Plan. Das stimmte mich zuversichtlich. Am Renntag selber war auch alles auf «grün» gestellt. Die Stimmung am Start auf den Champs-Élysées war auch bei dieser Austragung magisch. Alles war somit angerichtet für ein weiteres Marathonabenteuer in Paris. Es war mein dritter Start in der Metropole, welche sich bescheiden «la plus belle ville du monde» nennt, bei meinem fünften Marathon.

Der erste kleine Dämpfer folgte aber bereits kurz nach dem Start. Am Vorabend im Teammeeting hatten die Organisatoren gesagt, dass alle persönlichen Verpflegungen der Eliteathleten auf der rechten Strassenseite sein würden. Die erste Verpflegung war nach 4.8 km vorgesehen.
Aber «rechts» oder «links» und 4.8 km oder 4.4 km (zudem direkt nach einer Kurve, aber eine zu früh gemäss den Erklärungen am Vorabend) ist bei den Franzosen «la même chose». Die erste Verpflegung kannte ich somit insbesondere vom Hörensagen. Ganz knapp erspähte ich sie noch im Augenwinkel, als wir bereits daran vorbeigerannt waren…

Das Rennen nahm langsam Fahrt auf und ich fühlte mich ganz wohl in der Spitzengruppe. Bis Kilometer 15 stellte mir Salomon drei Pacemaker zur Verfügung. Einer von ihnen sollte mich bis Kilometer 30 bringen. Die Spitzengruppe lief Kilometer für Kilometer im 3er-Schnitt, was meiner Renntaktik entsprach. Bei Kilometer 22 war es dann aber vorbei mit der Ruhe. In einer Downhillpassage wurde das Tempo angezogen und in der Gegensteigung wurde richtig auf die Tube gedrückt. Ich liess mich am Ende des Feldes ein wenig abfallen. Einerseits war mir die Tempoverschärfung zu hoch und andererseits dachte ich, dass sich sicherlich eine Verfolgungsgruppe bilden würde. Auch im Nachhinein gesehen war es wohl die richtige Entscheidung, dass ich nicht mitgegangen war. Dieses Level hatte ich schlicht und einfach nicht an diesem Tag. Leider musste ich aber konstatieren, dass die Bildung einer Verfolgergruppe Wunschdenken blieb. Mein Pacemaker stieg dann bereits bei Kilometer 24 entkräftet aus. Die Spitzengruppe war zu diesem Zeitpunkt knappe 100 Meter vor mir. Hinter mir war eine grosse Lücke. Mir war sofort klar, dass es kein Zuckerschlecken werden würde bis ins Ziel. Bis Kilometer 30 konnte ich mein Tempo aufrechterhalten und der Glaube an ein gutes Rennen war noch da. Muskulär machte sich dann aber schon bald meine Wade bemerkbar und ein ganz feiner Gegenwind stellte meine mentalen Fähigkeiten auf den Prüfstand. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt, dass ich rangmässig nicht top klassiert war und ich bemerkte, dass ich stetig ein wenig langsamer wurde. Es war ein Kampf bis ins Ziel, mental als auch körperlich! Als ich die Ziellinie überquerte, kamen keine grossen Emotionen hoch. Sondern ich war einfach froh, dass das Rennen durch war. Rang 13 in 2:08:37 interessierte mich zu diesem Zeitpunkt nicht sonderlich!
Ich war damit 53 Sekunden langsamer als bei meinem sensationellen Debüt 2024 auf gleicher Strecke. Also knapp 1.3 Sekunden langsamer pro Kilometer als vor zwei Jahren. Wenn man es sich genau vorstellt und auf 180 zählt und dann noch 1.3 Sekunden wartet, ist das gefühlt kein grosser Unterschied. Meine Gefühlswelten im Ziel hätten aber unterschiedlicher nicht sein können…

Nach vier äusserst erfolgreichen Marathons war das mein erster Marathon, bei dem nicht alles nach Wunsch verlief. Mir war klar, dass ich rund um den Kerzerslauf und den Berlin-Halbmarathon nicht optimal trainierte. Die Frage stand bereits zum damaligen Zeitpunkt im Raum, ob mir diese Rennen tendenziell zu viele Körner kosten würden oder ob sie mir genau die entscheidenden Reize bringen würden, die mir noch fehlten.
Im Nachhinein ist man immer schlauer und es wäre wohl sinnvoller gewesen, gewisse Wettkämpfe auszulassen. Es gilt zu akzeptieren, dass dieser Marathon eher ein Knorz war. Solide war es allemal. Solange ich mit einem «nicht zufriedenstellenden» Rennen immer noch in 2h08min einlaufe, kann es nicht so schlecht um mich bestellt sein!

Nach einigen easy Wochen, ein paar coolen OL-Trainings und Wettkämpfen starte ich nun in mein nächstes Marathonabenteuer: Mein Ziel heisst EM-Marathon in Birmingham am 16. August!

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