Europameistertitel 6 und 7

Sprintstaffel:


Unsere vier Läufe waren allesamt so gut, dass sich nach dem Lauf sämtliche Diskussionen über das «hätte, wenn und wäre» bezüglich Routenwahlen oder sonstigen Entscheidungen während dem Rennen erübrigten. Mit viermal Streckenbestzeit konnten wir den Sprintstaffel-EM Titel erfolgreich verteidigen. Die «hätte, wenn und wäre»-Diskussion führten wir nach dem Lauf viel mehr über die Atmosphäre in der Maladière. Hätte das Stadion zu einem berüchtigten Hexenkessel werden können? Ich wage zu bezweifeln, dass die Temperaturen so stark angestiegen wären wie im Lido 2003 in Rapperswil. Aber eine Ehrenrunde vor vollen Rängen wäre cool gewesen.

Sprintquali:

Aus meiner Sicht kann ich an einem Quali-Tag nur verlieren. Eine Qualifikation für die KO-Runden erwarte ich sowohl von mir und zudem wird sie aus meiner Sicht auch von aussen als selbstverständlich betrachtet. Auch wenn ich bisher noch nie in einer Qualifikation hängen geblieben bin, so ist die Marge für die Qualifikation im Sprint klein.
Daher starte ich oft mit einem leicht flauen Gefühl im Magen in eine Qualifikation. Doch das ist primär nicht schlecht, so bin ich mir bewusst, dass es kein Selbstläufer sein wird und ich für die Qualifikation kämpfen muss. Erschwerend kam an diesem Tag hinzu, dass Andreas der Bahnleger war. Ich malte mir schon aus, was für Sprüche Andreas auf Lager gehabt hätte, falls ich in der Qualifikation hängen geblieben wäre (zum Beispiel: «Ich wusste, dass die Bahn zu schwierig sein würde für dich»). Dazu kam es glücklicherweise nicht. Ich konnte in der Quali überzeugen und meinen Heat mit komfortablem Vorsprung gewinnen.

Knock-Out Sprint:

Rein vom Profil her entsprechen mir die physisch betonten Sprintformate wie die Sprintstaffel und der Knock-out Sprint. Während ich bei der Sprintstaffel auch auf die tatkräftige Unterstützung meiner Teamkollegen*innen zählen kann, muss ich beim Knock-out Sprint Fehler selbst ausbaden. Ein gröberer Fehler unterlief mir dann tatsächlich im 1/4 -Final und nur dank einer beherzten zweiten Rennhälfte konnte ich den Lapsus bis ins Ziel korrigieren.
Das taktische Element spielt im Knock-Out Sprint eine zentrale Rolle. An welcher Position halte ich mich auf? Wie stark lasse ich mich von den anderen bei Routenentscheiden beeinflussen? Antwort auf diese Fragen fand ich bei den zahlreichen teaminternen Trainings im Vorfeld der EM. Klar war es am Ende ein Wimpernschlagfinale und das Zünglein an der Waage spielte in meine Karten. Dass ich zum letzten Posten das «Buebetrickli» auspackte, war allerdings kein Zufall.

Sprint:

Erst zum zweiten Mal in meiner Karriere klassierte ich mich in einem EM-, WM- oder Weltcupsprint ausserhalb der Top 6, seit ich 2011 offiziell in den Weltcupzirkus eingestiegen bin. Nicht verwunderlich war ich enttäuscht über den 11. Rang und mein Abschneiden beim Einzel-Sprintrennen. An den physischen Fähigkeiten lag es nicht. Auch im letzten Rennen wäre der Speed gut genug gewesen für eine Medaille. Dass die Kombination aus Regen und Pflastersteinen nicht meine bevorzugten Umweltbedingungen sind (Anm. d. Red. «Das Trauma von Riga»), war aber nicht allein ausschlaggebend an diesem Tag. Vielmehr war es die mentale Frische, welche mir fehlte. Bei den entscheidenden Herausforderungen war ich nicht bereit und agierte fehlerhaft. Als ich bei der Zuschauerpassage nicht erwähnt wurde, war mir bewusst, dass ich auf der Schlussschlaufe höchstens noch Resultatkosmetik betreiben konnte. Die Aggressivität war mir aber spätestens dort komplett abhandengekommen. Das widerspiegelte sich in technischen Unsauberkeiten und mit einer schwachen Leistung auf den letzten Posten.  

Fazit:

Mit zwei Goldmedaillen aus drei Finalentscheidungen bin ich sehr zufrieden mit der EM. Ich konnte die Europameistertitel sechs und sieben einheimsen. Ein wenig Wehmut bleibt, dass keine Zuschauer erlaubt gewesen sind. Dafür durften wir uns über einen perfekt organisierten Anlass freuen. Nach 1.5 Jahren ohne internationale Wettkämpfe freute ich mich sehr über die Möglichkeit, mich wieder mit den Besten zu messen.
Dank der Führung im Gesamtweltcup konnte ich mir frühzeitig in allen Einzeldisziplinen an der WM einen Startplatz sichern. Nach diesem gelungenen Saisonstart blicke ich optimistisch in Richtung WM in Tschechien vom 3.-9. Juli und freue mich besonders auf das Kräftemessen in den Walddisziplinen.

Noch keine Kommentare bis jetzt

Leave a reply