Marathonpremiere in Davos

Der OL-Sport bietet diesen Sommer leider wenig Möglichkeiten, eine Startnummer zu montieren. Aus diesem Grund hatte ich mich im Juni entschieden, mich für den Swissalpine Marathon in Davos anzumelden. Der bekannte Bergmarathon führt vom Sportzentrum Davos über 42.7km und 1424 Höhenmeter via Dischmatal, Scalettapass, Sertigpass und Sertigtal zurück nach Davos.

Der Start wurde um 7 Uhr in der Früh angesetzt. Es blieb daher keine Zeit das Frühstückbuffet des Hotels zu geniessen. Stattdessen fand ich mich um 6.30 Uhr beim Start-Zielgelände mit Schutzmaske ein. Das Einlaufen beschränkte ich auf ein Minimum, da Schutzmaskenpflicht herrschte während des Einlaufens. Ich empfand lockeres Jogging mit der Maske als eher umständlich. Nach Luft japste ich dann aber definitiv, nachdem ich einen ersten Steigerungslauf absolviert hatte. Genau so stelle ich mir das Atmen auf 8000 Meter über Meer vor…

Um Punkt 7 Uhr erfolgte der Startschuss zu meinem ersten Marathon. Da ich mich in der Berglaufszene nicht so gut auskenne wie im OL-Sumpf, wusste ich nicht genau, wie stark die Konkurrenz sein würde. Als mir aber vom ersten Meter an niemand folgen wollte, stellte ich mich auf 42 einsame Kilometer ein.  Als ich durch Davos in Richtung Dischmatal rannte, versuchte ich bei den Zuschauern zu deuten, was sie über mich dachten. Man muss ja eine Meinung haben über einen Läufer, der bereits 100 Meter nach dem Start eines Bergmarathons solo in Führung liegt…
In ihren Gesichtern sah ich die ganze Palette zwischen Bewunderung und sehr grosser Skepsis. Hätte ich eine Zusammenfassung ihrer Gedanken machen müssen, ich hätte mich für folgende drei Aussagen entschieden:

  • Weiss der, dass er sich für den 42 Kilometer Lauf angemeldet hat?
  • In normalen Turnschuhen, typisch Flachländler…
  • Viel Glück, also wirklich viel Glück, ich hoffe du weisst was du tust…

In der Tat hatte ich mir eine Renntaktik zurechtgelegt. Die flache Strecke bis Kilometer 14 wollte ich mit möglichst geringem Aufwand laufen. Auch in der Steigung zum Scalettapass baute ich noch Reserven ein. Ab dem Scalettapass (2605 MüM) wurde der SwissALPINE Marathon seinem Namen gerecht. Ein schmaler Bergwanderweg (oder Trail wie man es heute nennt), führte mich durch eine wunderbare Berglandschaft in Richtung Sertigpass. In dieser Umgebung fühlte ich mich wohl und drückte langsam aber sicher aufs Gaspedal.
Hier muss ich noch eine kurze Notiz einfügen. Als Orientierungsläufer interessiert mich der Streckenverlauf doch sehr und im Vorfeld begutachtete ich auf der Landeskarte die genaue Streckenführung. Was ich an diesem Wochenende lernte: «Nur» Orientierungsläufer interessieren sich für den Streckenverlauf und haben eine Vorstellung davon, wo es am Rennen durchgehen wird! Ich möchte schlechte oder sogar fehlende Markierungen auf keinen Fall schönreden, aber wenn man anstatt auf dem Sertigpass in Bergün oder sogar im Engadin landet (leider so geschehen), ruft das bei mir nur Kopfschütteln hervor…


Ich bekam von dem alles nichts mit und nahm den Abstieg ins Sertigdörfli mit noch busperen Beinen in Angriff. Es ging rasant abwärts. Da ich der Marschtabelle voraus war, erwarteten mich einige Personen wohl zu einem späteren Zeitpunkt. So fluchten einige Fotografen leise vor sich hin, als sie zu spät ihren Apparat zückten. Auch die Stimmungsmacher vom Hauptsponsor hatten ihre Musikboxen noch nicht installiert als ich passierte. Sie liessen aber erahnen, dass sie das Tal zum Beben bringen würden im Verlaufe des Tages. Für die rasante Abfahrt zollte ich aber auch Tribut. Im Sertigdörfli, 1000 Höhenmeter unterhalb der Passhöhe, fühlten sich meine Beine an, als hätte ein Elefant gerade sein Mittagsschläfchen auf meinen Beinen abgehalten. Ich brauchte einige Minuten bis ich wieder einen runden Tritt fand. Vor mir lagen noch ca. 12 Kilometer. Die Uhr zeigte zu diesem Zeitpunkt eine Laufzeit von 2h18min an. Nach einer einfachen Überschlagsrechnung kam ich zum Fazit, dass eine Zielzeit unter 3 Stunden möglich sein könnte. Dieser Gedanke reizte mich und spornte mich an, auf dem Höhenweg in Richtung Davos voll ans Limit zu gehen!
Doch wir wissen alle was «Höhenweg» in der Schweiz bedeutet: Man wartet förmlich nur darauf bis die nächste Gegensteigung beginnt…
Ich versuchte mich ständig zu pushen, doch die Zeit rann mir allmählich davon. Beim Schild «noch 2 Kilometer bis ins Ziel» wusste ich, dass ich etwas «Verspätung» hatte. Während den letzten hundert Metern durch die Strassen von Davos konnte ich den Applaus der Zuschauer geniessen. Der Zieleinlauf war dann sehr speziell. Im Zielstadion selbst waren keine Zuschauer zugelassen. So lief ich «einsam» nach 3:00:16 über die Ziellinie. Den Erfolg im ersten Moment allein zu geniessen, finde ich eigentlich noch toll. Spätestens seit dem 50 Kilometer Laufbandweltrekord habe ich ja auch bereits Erfahrung, mit mir allein zu feiern…
Mit meiner Siegerzeit verbesserte ich den alten Streckenrekord um über 10 Minuten. An diesem Tag passte wirklich viel zusammen: Eine sehr gute physische Verfassung, eine grosse Portion Lockerheit/ Freude vor dem Start und ein gesunder Ehrgeiz!
Ich hatte grosse Freude an meiner Marathonpremiere. Wer weiss, was für Startnummern ich dieses Jahr noch montieren werde!
Bilder: alphafoto.com / Swissalpine

1 Comment

  1. Gratuliere zu deiner sackstarken Leistung am K43!
    Da wird sich der eine oder andere etablierte Trailrunner die Augen gerieben haben. Mir zeigt das einmal mehr auf welchem Niveau der Orientierungslauf heute ist.
    Und… dein Kommentar bezüglich Routenverlauf kennen trifft den Nagel auf den Kopf. Vor allem wenn sich die “Verirrten” nachher noch lautstark in den Medien beschweren. Dies nachdem sie notabene die Strecke bereits von früher kannten…
    Alles Gute!
    Tinu

Leave a reply